Vortrag
Die Stellvertretende Wahrnehmung“

EFTA – Europäischer Kongress für Familientherapie
Berlin, September 2004

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Den im September 2004 gehaltenen Vortrag im Rahmen eines Workshops auf dem Europäischen Kongress für Familientherapie zur „stellvertretenden Wahrnehmung“ in Aufstellungen habe ich nachfolgend gekürzt aufgeführt. Die Power-Point-Präsentation zum Vortrag ist nicht enthalten. Erläuterungen zu den mit * gekennzeichnete Begriffen können Sie dem verlinkten Anhang (/Hinweise/Erläuterungen/Literaturangaben etc) entnehmen.

Der Vortrag befasst sich ausschließlich mit der „stellvertretenden Wahrnehmung“ in Familienaufstellungen. Inwieweit die vorgestellten Überlegungen auf Organisationsaufstellungen und andere Aufstellungsformen übertragbar sind, wird hier nicht thematisiert. Ebenso wird nicht das Aufstellungsverfahren mit seinen vielfältigen Aspekten und seinen möglichen Wirkungen erörtert, Schwerpunkt sind Fragen zur „stellvertretenden Wahrnehmung“ in Familienaufstellungen. Dieser Vortrag ist urheberrechte geschützt. Wenn Sie diesen Vortrag kopieren wollen oder zitieren wollen, bitte wenden Sie sich per Email an mich.




 Gliederung Vortrag:

I.                    Was sind „Aufstellungen“

II.                 Begriffsbestimmung „Wahrnehmung“

III.               Was sind „stellvertretende Wahrnehmungen“

IV.              Was geschieht in Systemen – was widerspiegelt sich in der „stellvertretenden Wahrnehmung“?

V.                 Verknüpfungen zum Phänomen

VI.              Hypothesen zum Phänomen der „stellvertretenden Wahrnehmung“

   

 

I.                  Was sind „Aufstellungen“

„Aufstellungen“ werden primär in einer Gruppe* durchgeführt, in der die anwesenden Gruppenmitglieder als Option für die Auswahl von sog. Stellvertreter (Repräsentanten) in das Aufstellungsverfahren eingebunden sind.

Der Begriff  „Aufstellung“ bezeichnet eine systemische Methode*, die im Rahmen von Beratung und Therapie Anwendung findet, und bei der

 

1.     „innere Beziehungsbilder“ externalisiert werden

2.      die Externalisierung mit „Fremdpersonen“ als „Stellvertreter“ der real existierenden Personen und Systemelementen ausgeführt wird

3.     die „Stellvertreter“ INFORMATIONEN vermittels der „stellvertretenden Wahrnehmung“ erhalten, welche durch ein anderes Beratungsverfahren nicht in dieser Art und nicht in so kurzer Zeit erhalten werden können.

 

Externalisierung vermittels Fremdpersonen heißt, dass für die einzelnen Personen oder Elemente eines Systems jeweils fremde Personen aus dem Kreis der anwesenden Gruppenteilnehmern - also nicht zum eigenen System gehörende Personen - ausgewählt und zu einem „inneren Beziehungsbild“ aufgestellt werden. Diese Fremdpersonen werden als (gewählte) „Stellvertreter“ bzw. (gewählte) „Repräsentanten“ bezeichnet.

 

Es kann unterschieden werden zwischen verschiedenen Formen von Aufstellungen:

·        „Familienaufstellungen“ , traditionelle Form (Bert Hellinger)

·        „Systemische Strukturaufstellungen“ (Varga von Kibed und Insa Sparrer)

·        „Bewegungen der Seele“ (Bert Hellinger, eine Weiterentwicklung der Familienaufstellungen)



Des weiteren können noch die „Organisationsaufstellungen“ genannt werden, wobei diese in den „Systemischen Strukturaufstellungen“ enthalten sind. An der Entwicklung der „Organisationsaufstellungen hatte Gunthard Weber, Heidelberg, einen wichtigen Anteil.

Alle Formen von Aufstellungen arbeiten mit dem Prinzip der oben benannten „Stellvertreter“ und der „stellvertretenden Wahrnehmung“.

Es gibt noch eine weitere Aufstellungsform, allerdings ist diese für die Arbeit im Einzelsetting entwickelt. Sie ist nicht zu vergleichen mit den Aufstellungen, die in einer Gruppe durchgeführt werden, weil das entscheidende Moment, und zwar die Informationsschöpfung über die „stellvertretende Wahrnehmung“, fehlt. Im Einzelsetting wird mit Symbolen (Bodenanker, Stühle, Legofiguren, Familienbrett u.a.) anstelle von stellvertretenden Personen gearbeitet, so dass hier – zur besseren Unterscheidung - evtl. eher die Bezeichnung „Symbolaufstellungen“ angemessen wäre.

Meine Überlegungen zur „stellvertretenden Wahrnehmung“ beziehen sich ausschließlich auf die Aufstellungsarbeit in Gruppen , und primär auf die Familienaufstellungen.

 

 

Hinweise zur Auswahl der „Stellvertreter“ und zum Aufstellen:

 

Bei einem Aufstellungsverfahren werden i.d.R. für all die Personen oder Elemente, die aufgestellt werden sollen, „Stellvertreter“ gewählt und gestellt; es wird also auch ein Stellvertreter für den „Klienten“/“Kunden“ mit aufgestellt.

  

Die Wahl der Stellvertreter kann sowohl vom „Klienten“/“Kunden“ als auch vom Aufstellungsleiter erfolgen. Es können sowohl gleich- als auch gegengeschlechtliche Personen gewählt werden.

  

Die „Stellvertreter“ werden von dem „Klienten“/“Kunden“, im Raum zueinander in Beziehung gestellt, so dass das aufgestellte „Beziehungsbild“ („Skulptur“, „Gestalt“) ein äußeres Abbild der inneren Wirklichkeit bzw. des inneren Bildes des „Klienten/Kunden“ ergibt.

  

Das Aufstellen der gewählten Stellvertreter geschieht ohne verbale Anweisung und ohne „Skulpturierung“ der Körper. Die Stellvertreter werden vom „Klienten“/“Kunden“ in der Haltung einer „inneren Sammlung“ ruhig an ihren Platz geführt unter der Vorgabe, so aufzustellen, „wie alle zueinander stehen“.

  

I.d.R. haben (und benötigen) die Stellvertreter kaum oder nur sehr wenige Informationen zum System* also zu den Personen oder Systemelementen, die sie stellvertretend darstellen, außer dass sie wissen, in welcher Rolle sie stehen (Vater, Mutter, Firma, Hof, etc.).

  

Die gewählten und dann gestellten Stellvertreter unterhalten sich nicht untereinander, sie sammeln sich von Beginn des Stellens (bzw. der Auswahl), sodass der Prozess der Wahrnehmung nicht unterbrochen wird durch Äußerlichkeiten.

  

Die Aufgabe der Stellvertreter besteht nicht darin, mit persönlichen Interpretationen, Deutungen, Ratschlägen etc. einzugreifen. Sie sollten persönliche Werte, Normen und Sichtweisen weglassen ( da diese nicht zur stellvertretenden Wahrnehmung gehören ) und unvoreingenommen und absichtslos stehen. Es sind die Wahrnehmungen zu erfassen, über die sie auf dem aufgestellten Platz (auch im Unterschied zu vorher) verfügen können, bzw. die sich bei ihnen stellvertretend entwickeln. Stellvertretend eine Rolle anzunehmen heißt jedoch nicht, in ein „Rollenspiel“ einzutreten mit bestimmten Anweisungen etc., sondern nur bewusst werden zu lassen, was sich sowohl im Inneren (Körper, Geist, Emotionen) zeigt als auch in Bezug auf das Außen (die anderen Systemmitglieder, die Atmosphäre etc.) sich entwickelt.







   



II. Definitionen – Begriffsklärung <Wahrnehmung>

Der Vortrag befasst sich mit der „stellvertretenden Wahrnehmung“. Wahrnehmen ist ein Akt, der ständig und überall geschieht. Gibt es Unterscheidungskriterien zwischen der üblichen Art etwas wahrzunehmen und der „stellvertretenden Wahrnehmung“? Oder nehmen wir ebenso auch ständig „stellvertretend wahr“ und haben nur kein Bewusstsein dazu?

Um den Begriff der <Wahrnehmung> näher zu beleuchten, habe ich im Nachfolgenden Definitionen und Aussagen ausgewählt und zusammengefügt, die sich mit dem Begriff <Wahrnehmung> sowohl aus früherer als auch aus neuzeitlicher Sicht befassen (ohne Anspruch auf Vollständigkeit). Danach werde ich in Punkt III dieses Vortrages versuchen, die „stellvertretende Wahrnehmung“ zu beschreiben und Kriterien dafür anführen, so dass eventuelle Unterschiede deutlich werden können.

                                                                          

1. Lexika

*Wahrnehmung, Sinneseindruck, Eindruck, Perzeption, das Erfassen / Aufnehmen, Apperzeption; Impression.

*Impression, Sinneseindruck, Gefühlseindruck, Eindruck, Empfindung, Sinneswahrnehmung, Wahrnehmung;

*Perzeption, sinnliche Wahrnehmung

*Apperzeption, Psych. bewusste Wahrnehmung

 

 2. Descartes (Schaubild)




Im Schaubild von Descartes ist die Wahrnehmung bzw. der Wahrnehmungsvorgang zu erkennen als ein Prozess, eine Verknüpfung  von:

·        „Außenwelt/Außenreize/Objektwelt“ –

·        Augen

·        Zirbeldrüse –

·        Körper/Muskulatur/Impuls

Die Zirbeldrüse ist für Descartes der Sitz der Seele

Die Augen werden im Volksglauben und in der Mythologie oft als „Spiegel der Seele“ bezeichnet.

Für Descartes ist also die Wahrnehmung ein Verknüpfungsprozess äußerer Eindrücke und Dinge mit der Seele und mit dem Körper (bzw. mit Hilfe körperlicher Vorgänge).

 

 3. „Seele und Wahrnehmung“

Die „Seele“ ist kein wissenschaftlicher Begriff und hat in unserer postmodernen Zeit scheinbar nicht mehr die Relevanz wie zu Zeiten Descartes. Über die Wahrnehmung hinaus scheint es jedoch in Menschen etwas zu geben, welches die Wahrnehmungsvorgänge übersetzt und zentriert in individuelle Sinnzusammenhänge, welche Denken, Fühlen und Handlungen ausrichtet.
Der Begriff der Seele wurde beim Familienstellen von Bert Hellinger wieder aufgegriffen als „große Seele“ und / oder  „Sippenseele“ und als Erklärungskonstrukt eingeführt für –bisher nicht erklärbare – Phänomene, die sich für ihn beim Familienstellen zeigen, wie z.B. beim Thema „Schuld und Sühne“ oder auch „Weg in die Krankheit als Sühne“.Von daher möchte ich den Begriff der Seele etwas näher betrachten.

Mit der Idee der Seele haben sich die frühen Philosophen ausführlich befasst. Ich möchte hier einige Aspekte anführen und beziehe mich im Nachfolgenden ausschließlich auf die Schriften von C.G.Jung, der sich intensiv mit den Vorgängen der Seele auseinandergesetzt hat.

Für C.G.Jung ist in den Begriffen, die der Seele gegeben wurden, die Urbedeutung des Wortes enthalten als: „bewegende Kraft, Lebenskraft. Der Begriff Seele werde synonym gebraucht für Anima, lat.: Wind, Atem, Seele, Leben, Herz und Animus, lat: Seele, Geist, Denkkraft, Überzeugung, Selbstvertrauen. Bei allen Philosophen sei laut C.G. Jung die Seele immateriell und unsterblich.

Die Vorstellung der Seele bei den frühen Philosophen entspreche dem Bild der Unsterblichkeit und des Immateriellen und dem der „bewegenden Kraft“:

Platon nennt sie:                                „das sich Bewegende“

Xenokrates                                        „die bewegliche Zahl“

Aristoteles                                         „Entelechie, d.h. etwas, das den Zweck

                                                        (das Ziel) in sich hat

Pythagoras                                        „Harmonie“

Psidoneus                                         „Idee“

Asklepiades                                      „gut geübter Zusammenklang der fünf

Sinne“

Hippokrates                                        „subtiler Geist, der im ganzen Körper

                                                        Verbreitet ist“

Heraclides                                         „Licht“

Zenon                                               „verdichteter Geist im Körper“

Democritus                                       „Geist zwischen den Atomen und so

                                                        Beweglich, dass er jeden Körper

                                                        durchdringen kann“

(zitiert nach: C.G. Jung, Seminare Kinderträume, S. 596 f (GW Supplementbände; C.G. Jung, GW 8, Kap. Das Grundproblem der gegenwärtigen Psychologie, § 664,665)


 4. Seele und Dissoziation der Wahrnehmung

Ein weiterer Aspekt der Seele, und zwar der Bereich „Seele und Dissoziation“ soll anhand eines Auszugs aus Wilhelm Reich, „Charakteranalyse“, Sitzungsprotokoll einer als Schizophren diagnostizierten Patientin, 19. Sitzung, erwähnt werden.


„Alles war sehr weit weg.... Ich beobachtete mich, als befände ich mich außerhalb meiner selbst.... Ich empfand mich deutlich als doppelt: ein Körper hier, eine Seele dort (dabei zeigte sie zur Wand)...Ich weiß sehr wohl, dass ich eine Person bin... aber ich bin außerhalb meiner selbst... vielleicht da, wo die „Kräfte“ sind...“ (S. 566)

„Ängstlich suchte sie (die Patientin) mit den Augen die Wände ab. Dann fragte sie unvermittelt: „Was ist eigentlich die Aurora borealis?...(und sehr langsam und wie mit großer Mühe) Ich habe mal etwas über sie gehört... wogende Muster und Spuren am Himmel... (wieder suchte sie, wie völlig abwesend, die Zimmerwände ab)... Ich höre Sie; ich sehe Sie; aber irgendwie ganz weit weg... in sehr großer Entfernung... Ich weiß sehr wohl, dass ich jetzt zittere,; ich spüre es... aber das bin nicht ich, das ist irgend etwas anders... (nach langer Pause)...Ich würde diesen Körper gern loswerden; er ist nicht ich; ich möchte dort sein, wo die <<Kräfte>> sind...“ (Die Hervorhebungen entsprechen dem Originaltext)

 



5. Wahrnehmungstheorien, Auszüge

A) Allgemeine Psychologie, W. Schönpflug:

„Empfindung, Wahrnehmung: Menschen besitzen ein Bild von ihrer Umgebung (Weltbild) und ein Bild von ihrer eigenen Person (Selbstbild). Abbildungen erstehen im Bewusstsein und wohl auch in einem neuronalen, unbewusst bleibenden Medium im Inneren des Menschen. Die Abbildung nimmt ihren Ausgang von einzelnen Sinnesempfindungen (u.a. Geruch, Geschmack) und wird am Ende zu räumlich und zeitlich gegliederten Wahrnehmungen (z. B. Landschaften, Melodien) organisiert. Empfindungen und Wahrnehmungen sind auf eine realitätsgetreue Wiedergabe ausgerichtet, können diese jedoch verfehlen und zu Täuschungen werden.“

(Allgem. Psychologie, Wolfgang Schönpflug, in Handwörterbuch Psychologie, S. 9, Psychologie Verlags Union)

  

B)Gestaltpsychologie

„Die kreative Anpassung von Mensch und Umwelt heißt Kontakt. (S. 1182) (...) Goodman definiert Kontakt als Wahrnehmung des assimilierbaren Neuen und Bewegung zu ihm hin sowie Abwehr des unassimilierbaren Neuen (S. 1185)  (Perls et al, 1951/1981, 12 , aus: Handwörterbuch Psychologie)

 

 6. Zusammenfassende Bemerkungen zur Wahrnehmung

Die (neuzeitlichen )Wahrnehmungstheorien beziehen sich i.d.R. auf die Verknüpfung von Wahrnehmung und Erkennen/Erkenntnis/Lernen, also die Verbindung von Wahrnehmung und kognitiven Leistungen als strukturelle Grundlage menschlichen Seins, die dem Menschen gestattet, sich in der Umwelt zu orientieren und zu entwickeln. Des weiteren ist wesentlicher Aspekt von Wahrnehmung, dass sie im Bewussten als auch im - neuronalen – Unbewussten verwurzelt sind , und dass sie sowohl „wahr“ als auch „täuschend“ sein können.

 

Descartes Schaubild zeigt die Verknüpfung der Wahrnehmung der Außenwelt mit der Seele (Zirbeldrüse) und mit dem Körperschema (der Muskulatur), also die Verknüpfung und Verbindung des Geistigen mit dem Materiellen, des Außen mit dem Innen, des Körpers mit der Seele.

 

Die „stellvertretende Wahrnehmung“, welche sich im Aufstellungsverfahren zeigt und welche viele Fragen aufwirft bzw. neu aufwirft, enthält m.E. all diese theoretischen Implikationen, die ich zum Begriff der Wahrnehmung kurz angerissen habe. Jedoch sieht es darüber hinausgehend so aus, als ob die „stellvertretende Wahrnehmung“ auf eine erstaunliche und eigentümliche Weise sich ereignet, wie Demokrit es als analoges Bild der Seele formulierte: als „Geist zwischen den Atomen und so beweglich, dass er jeden Körper durchdringen kann.“












III.           Was sind „stellvertretende Wahrnehmungen“

  

„Ein Wunder geschieht nicht im Widerspruch zur Natur,

sondern zu dem, was wir von der Natur wissen.“ (Augustinus)

 

 1. Beispiel für „stellvertretende Wahrnehmung“ in Aufstellungen:

Wie der Begriff der „stellvertretenden Wahrnehmung“ zu verstehen ist, möchte ich anhand von Aufstellungen beispielhaft veranschaulichen. Ich habe zwei Aufstellungen ausgewählt, die im Abstand von 2 Monaten von unterschiedlichen Mitgliedern einer Familie in meinen Aufstellungsseminaren durchgeführt wurden.

Die angeführten Beispiele haben nicht zum Ziel, die gesamten Aufstellungen umfassend wiederzugeben, sondern beziehen sich maßgeblich auf die „stellvertretende Wahrnehmung“ zu einem bestimmten familiären Ereignis und auf einen damit verbundenen Aspekt.

 

Zu einem Seminar kam eine junge Frau und stellte ihr Ursprungssystem auf. Zwei Monate später kommen die Eltern der Frau in ein anderes Aufstellungsseminar mit anderen Gruppenteilnehmern und der Vater stellt dort Familiensystem auf. In beiden Aufstellungsgruppen zeigt sich in der Wahrnehmung der Stellvertreter das Phänomen der „unbewussten Bindung“ der Tochter mit einer früheren, wichtigen Liebe des Vaters.

 

Erste Aufstellung: Die Tochter:

Eine Junge Frau, etwas über 30 Jahre, Akademikerin, kam zu einem Aufstellungsseminar und stellte ihre Ursprungsfamilie auf. Zu ihr gehörten Vater, Mutter, ein jüngerer Bruder und sie. Im Prozess der Aufstellung frage ich nach früheren Bindungen der Eltern, wobei ich die Information erhielt, dass es bei der Mutter nichts gäbe, der Vater jedoch gesagt hätte, er wäre in seiner Jugend mal mit einer Frau zusammen gewesen, dann seien aber beide geflohen (aus dem Osten Deutschlands) und in zwei verschiedene Städte gegangen, da sei es aber schon aus gewesen zwischen ihnen. Sie sei wohl später früh gestorben oder hätte sich das Leben genommen. Für ihn hätte das jedoch keine Bedeutung mehr.

In der Aufstellung stellte sie diese frühere Bindung des Vaters ca. 2-3m in den Hintergrund der Familie. Bei der Befragung der Stellvertreter stellte sich dann als wesentliches Merkmal heraus, dass die Stellvertreterin der früheren Freundin des Vaters eine starke und enge Bindung an die Stellvertreterin der Tochter (also der Aufstellenden) verspürte, die von der Stellvertreterin der Tochter wiederum erwidert wurde, wobei die „reale Tochter“ (die Aufstellende) auf meine Frage hin damit nicht viel anfangen konnte. Ich stellte die Stellvertreterin der früheren Freundin dann nach vorne, in ca. 3 m Abstand zur Stellvertreterin der Tochter, und es war für beide eine große Freude und das Gefühl, als ob sich zwischen ihnen ein großer Energiefluss befände. Sie wollten gar nicht aufhören, sich anzuschauen und sich zuzulächeln. Die Stellvertreterin der früheren Freundin war glücklich, zu dem Mädchen zu schauen und sagte, dass sie ihr einfach nur gut gesonnen war und dass sie gerne zu ihr hinschaute.

 

Zweite Aufstellung: Der Vater

Ungefähr zwei Monate später kamen die Eltern der jungen Frau zu einem Aufstellungsseminar („meine Tochter sagte, ich hätte da noch etwas zu erledigen“). Der Vater stellte seine Gegenwartsfamilie auf und wählte Stellvertreter aus für sich, seine Frau, seine Kinder und die frühere Freundin. Sein gestelltes Bild wich etwas ab von dem Bild, welches seine Tochter in dem früheren Seminar gestellt hatte: diesmal stand die frühere Freundin nicht im Hintergrund, sondern wurde nach vorne gestellt, ca 3-4 m zur Familie auf die rechte Seite, so dass sie zur Familie hinsehen konnte. Trotz der Unterschiede im Aufstellungsbild und einer völlig anderen Zusammensetzung der Teilnehmenden waren die Wirkungen zwischen der jetzigen Stellvertreterin der früheren Freundin des Vaters und der Stellvertreterin der Tochter die gleichen wie in der Aufstellung der Tochter: die Stellvertreterin der früheren Freundin des Vaters war mit einem warmen und freudigem Lächeln auf die (stellvertretende) Tochter ausgerichtet, und nur diese war für sie interessant. Und auch hier ohne böse Absicht, nur in Freude.

 

In beiden Gruppen zeigte sich also unabhängig voneinander das gleiche Phänomen der „stellvertretenden Wahrnehmung“.

 

 

2. „Stellvertretende Wahrnehmungen“

Zu dem Vorgang der „stellvertretenden Wahrnehmung“, welcher sich bei den Repräsentanten entwickelt, sieht es von außen betrachtet aus, als ob wie durch ein Wunder sich in den Stellvertretern Informationen über fremde Menschen und ihr System abbilden . Wie dies konkret geschieht, ist bisher nicht eindeutig zuzuordnen. Es ist ein unerforschtes Feld, zu dem es höchstens einige Hypothesen gibt (z.B. Ruppert Shedrake und seine „morphogenetischen Felder“).  Fakt ist, dass sich „stellvertretende Wahrnehmungen“ im Aufstellungsverfahren bei den Repräsentanten einstellen.

 

„Stellvertretende Wahrnehmungen“ erhalten, bedeutet im Zusammenhang mit dem Aufstellungsverfahren, dass sich bei den Repräsentanten auf körperlicher und/oder psychischer Ebene bestimmte Phänomene einstellen als Körpersensationen oder Gefühlssensationen, die als „nicht-eigen“ in der Form identifiziert werden können, als dass sie

1.     vor dem Aufstellen nicht da waren und

2.     sich über das stellvertretende Stehen in unterschiedlicher Intensität weiterentwickeln bzw. auch verändern können und

3.     nach dem Verlassen der stellvertretenden Tätigkeit i.d.R. nicht mehr vorhanden sind (es gibt jedoch auch Ausnahmen).

4.     bei unterschiedlichen Menschen in unterschiedlicher Form und Intensität auftreten

 

 

3. „Fremdgefühle – Fremdimpulse“

 

Die stellvertretenden Wahrnehmungen manifestieren sich primär als

 

Die Bezeichnung „Fremdgefühle“ und „Fremdimpulse“ sollen solche Gefühle und Körperimpulse bei Stellvertretern bezeichnen, die sich in der Person des Stellvertreters als Veränderungen von Gefühls- und Körperwahrnehmungen im Prozess der Aufstellung entwickeln und vom eigenen System des Stellvertreters als Fremdgefühle / -impulse identifiziert werden können. .

Diese Phänomene werden von mir als „stellvertretende Wahrnehmung“ bezeichnet. Sie sind m.E. eine der wesentlichen Komponenten – wenn nicht sogar die entscheidende - für das Aufstellungsverfahren und bieten nicht nur eine neuartige, sondern auch eine neu zu erfassende Informationsebene menschlicher kommunikativer Abläufe.

 

Zum besseren Verständnis nachfolgend ein kleiner Überblick über a) „Fremdgefühle“ und b) „Fremdimpulse“:

a) Fremdgefühlekönnen sowohl den emotionalen Bereich als auch den körperlichen Bereich betreffen. Auf der Ebene des Körpers können in allen Körperregionen auftreten, insbesondere zeigen sie sich oft in den Körperteilen:

Armen, Beinen, , Kopf, Rücken, Hals, Füßen, Augen.

 

Beispiele für „Fremdgefühle“

a).auf der emotionalen Ebene:

Angst

Trauer

Schwere

Einsamkeit

Wut

Beziehungslosigkeit

Beziehungsgefühl/

Zuneigung

Liebe

 

Beispiele für „Fremdgefühle“

b). auf der körperlichen Ebene:

Schwere

Druck

Schmerzen

Taubheit, Gefühllosigkeit, Kribbeln,

Kälte, kalter Luftzug

Hitze (extrem), Brennen

Steifheit, Geschwollen-sein von Körperteilen

schweben/schwebend

Atemnot

Blick: verschleiert, nebelig, Tunnelblick, fixiert

 

b)  „Fremdimpulse“

können ebenfalls den ganzen Körper oder einzelne Körperteile betreffen, sie treten oft bevorzugt auf in: Armen, Beinen, Händen, Rücken.

 

Beispiele für „Fremdimpulse“

a). den ganzen Körper betreffend:

es zieht mich nach:

- hinten

- vorne

- unten

der Körper dreht sich:

- zur Seite

-nach rechts, nach links

- schwebt

 

Beispiele für „Fremdimpulse“

b) einzelne Körperteile betreffend:

mein rechter/linker/beide Arm wird:

- zur Seite gezogen

- nach oben getragen („Flügel“)

- zum Fußboden gezogen

mein Bein (Beine)

-knickt weg,

-kann nicht bewegt werden

Füße, Zehen biegen sich nach oben

 

  

4. Die Informationen der stellvertretenden Wahrnehmung

 

Die oben aufgeführten „Körper- und Gefühlssensationen“ können als INFORMATIONEN verstanden werden – vielmehr möchte ich sie als Informationen bezeichnen - ,die auf einem bisher nicht zu erklärenden Weg auf den Stellvertreter übergreifen bzw. die sich in einer nicht zu erklärenden Art und Weise im Stellvertreter manifestieren, so dass dieser das so Wahrzunehmende bewusst bezeichnen kann. .

 

Die Informationen, die sich beim Stellvertreter über das Wahrzunehmende abbilden und von diesem formuliert werden, sind i.d.R.

·        fokussiert und knapp und beziehen sich meistens nur auf Grundtendenzen des Menschen, der dargestellt wird

·        sie geben Hinweise auf strukturell wesentliche Tendenzen der Menschen wider die repräsentiert werden

·        sie sind nur in gesammelter, innenschauender Haltung wahrzunehmen

·        sie manifestieren sich primär im Körper und im Gefühl des Stellvertreters

·        sie sind den „realen Menschen“ oft nicht bewusst

·        über die Grundtendenzen eines Menschen hinaus auch auf die atmosphärischen Schwingungen des Systems zu beziehen

 

 Auf der Informationsebene sind zwei Aspekte zu unterscheiden:

A)   Zum einen werden sehr klare und deutliche Informationen vermittelt, wie z. B. wenn Stellvertreter ihre Wahrnehmungen folgendermaßen ausdrücken: ich fühle mich Gefühllos, ich bin traurig, mir ist schwindlig, ich werde von einer Last wie zu Boden gedrückt, ich habe das Gefühl, in den Boden gedrückt zu werden, ich spüre eine Beziehung /keine Beziehung zu..., YX interessiert mich nicht – ich sehe an ihm/ihr vorbei, ich spüre eine große Kälte in meinem Rücken, ich spüre meine Hände nicht, ich spüre meine Hände wie geschwollen, mein Rücken ist eiskalt, ich spüre einen kalten Luftzug hinter mir, ich werde in den Boden gezogen, mein rechter Arm wird zu Boden gezogen, ich spüre einen Sog nach hinten (vorne, zur Seite), ich sehe die Personen um mich herum gar nicht sondern bin nur auf den Boden (die Wand, nach außen... ausgerichtet, usw

B)   Zum anderen sind trotz der Klarheit der Aussagen diese oft schwierig zu verstehen i.S.v. „wie sind diese Informationen kontextuell zu deuten“? So können wir z.B. fragen, wie folgende die Aussagen im Zusammenhang mit dem aufgestellten System und den Systemmitgliedern zu verstehen sind: „ich spüre meine Hände nicht“, „ich spüre eine große Kälte in meinem Rücken“, „ich werde von einer Last wie zu Boden gedrückt“  Was ist damit genau gemeint? Welche Bedeutung hat diese Information für die Aufstellung ? Welche Bedeutung hat diese Information für den betroffenen Menschen, für das betroffene System?

 

 

5. Die Deutung der Information

Ähnlich wie die Traumanalyse in der Arbeit mit Träumen können wir uns vielleicht vorstellen, dass die Aussagen Symbolgehalt besitzen könnten, d.h. dass sie weit über die konkret enthaltene Botschaft hinaus Bedeutung besitzen, und dass sich diese Bedeutung im größeren Kontext des Systems und der Systemgeschichte klären ließe.

So wie der Traum einer Deutung* bedarf und die Traumbilder nicht konkretistisch genommen werden dürfen, so bedürfen die Phänomene bzw. INFORMATIONEN der „stellvertretenden Wahrnehmung“ m.E. einer deutenden Erarbeitung, welche sich primär nur aus dem Kontext des aufgestellten Systems , der biografischen Geschichte des Systems und der Systemmitglieder sowie der prägenden Systemereignisse in Zeit und Raum entwickeln kann. Als weitere Komponente ist das Erfahrungswissen zu den Phänomenen der stellvertretenden Wahrnehmung zu nennen, welches die Deutungsarbeit erleichtern kann. Hierzu gibt es jedoch bisher geringes Wissen.

 

Der Aspekt der Deutung der erhaltenen Informationen ist ein sehr sensibler Bereich, da es ja oft nur Hinweise, Andeutungen des Körpers, Körperimpulse, Gefühlsqualitäten sind, die sich zeigen. Und sicherlich kann es daher in dem Bereich zu Fehldeutungen komme. Es ist ein komplexes und unbekanntes Erfahrungsfeld, in dem wir uns bewegen , ist in weiten Gebieten noch völlig unerschlossen.

 

Im Verlauf der letzten 20 Jahre haben sich beim und über das Aufstellen Erfahrungen aus der Praxis dazu eingestellt, so dass sich mit der Zeit ein „Repertoire“ von „Bedeutungsbildern“ entwickelt hat, worauf von den Leitungen von Aufstellungsseminaren zurückgegriffen wird. So kann z. Bsp. ein stark fixierter Blick des Stellvertreters auf den Boden gedeutet werden, dass der betreffende Mensch innerlich – und für ihn nicht bewusst - auf ein Grab oder einen Toten (Boden) schaut. Aber auch ein Blick der Scham kann als Blick auf den Boden vorkommen. Ein fixierter Blick in die vor einem Stellvertreter liegende Weite kann gedeutet werden, dass der betreffende Mensch von einem Ereignisse aus seiner familiären Vergangenheit innerlich „gebannt“ ist, dass er damit in unbewusstem energetischem Kontakt* ist.

 

Um die Deutungen zu klären hat das Aufstellungsverfahren eine methodische Komponente entwickelt, die als „Test“ bezeichnet wird (Kibed/Sparrer), und die eine gewisse Überprüfung von Deutungen ermöglicht.

Anhand eines Beispiels möchte ich die Arbeit mit einem Test erläutern:

Es stellte eine Frau, die sich in einer Trennungsphase befand, ihre Beziehungskonstellation auf und es war zu sehen, dass ihre Stellvertreterin auf einen bestimmten Punkt an der Wand ausgerichtet war (und nicht auf den Beziehungspartner). Ich stellte an diesen Punkt jemand hin, stellvertretend für “das, auf was sie ausgerichtet ist“. Und es gab sofort einen starken energetischen Fluss zwischen diesen beiden Stellvertretern. Tendenzen bei den beiden Stellvertretern: Die Stellvertreterin der Frau wollte nach vorne gehen, während die Stellvertreterin für „das, worauf sie ausgerichtet ist“ sagte, ich fühle mich wie eine überpersönliche Kraft und bin in starker Verbindung zu ihr. Ich fragte nach Ereignissen in der Familie. Die Mutter der Frau war gestorben, als sie ca. 11 Jahre alt war.

Um zu überprüfen (Test), ob die früh verstorbene Mutter identisch ist mit der Stellvertretung von „das, auf was sie ausgerichtet ist“ ließ ich eine Stellvertreterin für die Mutter aussuchen und stellte diese auf. Ebenso ließ ich eine Stellvertreterin für eine Schwester der Mutter, die früh verstorben war, aussuchen und aufstellen. Beide neu aufgestellten Stellvertreter hatten keine ähnlich große Wirkung auf die <Stellvertreterin der Aufstellerin>, denn bei dieser war weiterhin das Zugehen auf die„energetische Kraft bzw. das, auf was sie ausgerichtet ist“ vorhanden, und weniger auf die <Stellvertretung der verstorbenen Mutter> ausgerichtet. Das erschien mir auffallend und ich fragte mich, ob diese überpersönliche Kraft der Tod sein könnte. Um das zu überprüfen (Test), wählte ich eine <Stellvertreterin für den Tod> aus. In dem Augenblick, wo ich sie neben die <Stellvertreterin der „energetischen Kraft“> stellte, schauten beide sich an und die <Stellvertreterin der „energetischen Kraft“> sagte, „nein, das stimmt nicht, Ich bin der Tod !“!  Diese Wahrnehmung wurde von der anderen Stellvertreterin gleichzeitig ebenso empfunden.

 












IV. Was geschieht in Systemen – was widerspiegelt sich in der „stellvertretenden Wahrnehmung“

 

 Systeme reagieren auf Ereignisse in einer generationsübergreifenden Art und Weise. Ereignisse sind prägend für Systeme und deren Mitglieder – auch wenn das Ereignis nicht bekannt ist. Anhand eines Beispiels aus einer Aufstellung möchte ich versuchen, die Widerspiegelung von Ereignissen über die „stellvertretende Wahrnehmung“ aufzuzeigen (bzw. die generationsübergreifenden Folgen von Ereignissen). Eine Aufstellung ist ein sehr komplexes Verfahren und es kommen natürlicherweise eine große Vielfalt von stellvertretenden Wahrnehmungen vor. Der Einfachheit halber beschränke ich mich hier auf ein bestimmtes, sich in Aufstellungen oft zeigendes Phänomen, und zwar das der

„Verstrickung mit Früheren“ bzw. der „Identifizierung mit Früheren“ . 

„Die Verstrickung“ von Menschen zeigt sich in der „stellvertretenden Wahrnehmung“ und bedeutet eine unbewusste innere Verbindung eines Menschen mit früheren Ereignissen und dazu gehörigen Personen. Die unbewusste innere Verbindung bedeutet, dass ein Teil der persönlichen Lebensenergie gebunden ist an Früheres und nicht für die Bewältigung aktueller Lebensereignisse zur Verfügung steht. Dies bedeutet weiterhin, dass der betreffende Mensch unbewusst Gefühle und Handlungen eines anderen Menschen in sich tragen kann und (aus-)lebt, z.B. das Gefühl von Einsamkeit, Isolation, Zerrissenheit, Verwirrung (von geringem bis zu extremem Ausmaß), das Gefühl, keinen Platz im Leben zu finden, M-S-Impulse, Täter-Opfer-Impulse (-energien), Racheimpulse ua.


Beispiel einer Aufstellung eines Mannes, dessen Schwester mit der früheren Bindung und der daraus entstandenen Tochter des Vaters identifiziert war. Diese frühere Bindung des Vaters und auch die Tochter aus dieser Bindung war ein Familiengeheimnis, welches dem aufstellenden Mann und seiner Schwester nicht bekannt war.

Zur Aufstellung: Ein Mann, Mitte bis Ende 40, kam mit seiner Frau zu einem Aufstellungsseminar und wollte seine Ursprungsfamilie aufstellen. Zur Ursprungsfamilie zählten Vater und Mutter, seine ältere Schwester und er. Der Vater war schon verstorben, die Mutter lebte noch.

Der Aufstellende wählte für alle Familienmitglieder Stellvertreter aus und stellte diese in den Raum zu einem Aufstellungsbild zueinander. Die Stellvertreter waren gerade zu einem Bild zusammengestellt, und noch bevor ein Stellvertreter eine Rückmeldung abgegeben hatte, fing die Stellvertreterin der Schwester unvermittelt sehr stark zu weinen an und erlebte einen großen Trauerprozess.

Auf meine Frage an den Aufstellenden hin, was in seiner Familie passiert sei, sagte dieser, es gäbe da nichts. Als ich auf die starken Emotionen der Stellvertreterin verwies meinte er, er könne sich das mit der Stellvertreterin überhaupt nicht erklären. Ich bat ihn daraufhin, am Abend die noch lebende Mutter anzurufen und nachzufragen, da ich ohne Informationen nicht weiterarbeiten könne. Das würde nicht gehen, war seine Antwort, da er seit etwa 7 Jahren keinen Kontakt mehr zu Mutter habe. Ich ließ die Aufstellung daraufhin so stehen, da ich ohne weitergehende Informationen nichts mehr tun konnte.

Es war ungefähr ½ Jahr später als er erneut mit seiner Frau zu einem weiteren Seminar kam und mit seiner Aufstellung fortfahren wollte. Er hatte zwischenzeitlich Kontakt mit der Mutter aufgenommen und hatte von einem Familiengeheimnis erfahren: der Vater war vor der Ehe mit seiner Mutter mit einer anderen Frau zusammen und aus dieser Verbindung war ein Kind – ein Mädchen – entstanden. Der Vater wollte diese Frau jedoch nicht heirateten. Diese Tatsachen wurde in der Familie verschwiegen, beide Kinder wussten nicht, dass sie noch eine ältere Halbschwester hatten.



Wie lässt sich der Trauerprozess der Stellvertreterin bei der ersten Aufstellung verstehen, welche Erklärung gibt das Aufstellungsverfahren dazu?

In Aufstellungen kann immer wieder festgestellt werden, dass, wenn es in Systemen zu schweren und leidvollen Ereignisse für bestimmte Menschen gekommen ist, und sich - für alle Betroffene - keine befriedigende Lösung entwickelt hat, Nachfolgende davon betroffen werden. Es sieht so aus,  als ob etwas Bleibendes“ sich zusammensetzt hat und weiter in den Menschen präsent ist, das auf unbewussten Wegen „weitergegeben“ wird zur nachfolgenden Generation und bei dieser gänzlich im Unbewussten verbleibt.  Es spielt auch keine Rolle dabei, ob die Nachfolgenden zum Zeitpunkt des Ereignisses schon gelebt haben oder noch nicht. Beim Aufstellen wird in deutlich, dass auch diejenigen in irgend einer Art betroffen sind, die zum Zeitpunkt des Ereignisses noch nicht gelebt haben.

·         Dieser Prozess wird als „generationsübergreifende Verstrickung“ bezeichnet, ein Prozess, der sich über mehrere Generationen auswirken kann. In der Familientherapie ist dieser Prozess bekannt und wird dort beschrieben – auch wenn die Zusammenhänge bzw. Ursachen dort auf andere Art interpretiert werden. Zu nennen wäre hier Ivan Boszormeny-Nagy und G. M. Spark mit ihrem Werk „Unsichtbare Bindungen“*

Das, was „bleibend“ ist und was in der Generationenfolge weitergegeben wird, hängt ab von der Art und Schwere des Ereignisses - und den Möglichkeiten seiner Verarbeitung. Wurde z.B. einem Menschen, der dazugehört, der Platz verwehrt (Ausschluss als „schwarzes Schaf“), so wird ein Nachfolgender diesen Menschen im System repräsentieren müssen mit einem Teil der (Fremd-)Gefühle und (Fremd-)Handlungen, er wird also in Vertretung den Ausgeschossenen und das Ereignis der Ausschließung im System weiter „lebendig“ halten. In so einem Fall wird beim Aufstellen von „Verstrickung“ oder auch „Identifizierung“ gesprochen. Wurde z.B. ein Mord begangen und gab es dafür keine Sühne in dem Sinn, dass der Mörder sich der Verantwortung stellte und diese übernahm, so tragen Nachfolgende in sich Täterenergien und/oder Opferenergien und halten so über diese Gefühle das Ereignis und die damit verbundene Person (Personen) „lebendig“, werden im aktuellen Leben zu Opfern oder zu Tätern oder verirren sich in der Spaltung von Opfer und Täter.

In dem oben geschilderten Fallbeispiel waren die Gefühle der Stellvertreterin geprägt von dem Gefühl der Trauer und der Enttäuschung der verlassenen Frau ( und evtl. auch des vaterlosen Kindes).

Zusammenfassung:

Im Fall von „Verstrickung mit Früheren“ wird beim Aufstellen von folgenden Arbeitshypothesen ausgegangen:

Bei einer „Verstrickung“ scheint es so zu sein, als ob Menschen in Familiensystemen Gefühle leben bzw. dass bestimmte Gefühle ihr Leben bestimmen, die primär zu anderen Menschen gehören.

Dass diesen Menschen darüber nicht ihre volle Lebensenergie für das aktuelle Leben (Familien, Kinder, Beruf) verfügbar ist.

Dass den „Verstrickten“ i.d.R. nicht die Menschen bekannt sind, deren Gefühlsqualitäten sie in der Grundtendenz (strukturell) „übernommen“ haben, weil die Menschen und die mit ihnen verbundenen Ereignisse::

·        entweder verschwiegen werden wie im Beispiel 1)

·        „vergessen“ worden sind (z. B. früh verstorbene Kinder)

·        evtl. vage, aber als „nicht wichtig“ benannt worden sind (z. B. frühe Bindungen)

·        nach ihrem Tod weiterhin einen übergroßen emotionalen Anteil am Leben eines Familienmitgliedes besetzen (z.B. ein gefallener Verlobter)

Wichtig dabei ist, zu betonen dass die von einer „Verstrickung“ betroffenen Menschen nicht bewusst *diesen -  ihr Leben prägenden – Sachverhalt kennen. Die Dynamik liegt im Unbewussten.

 












 

 V. Verknüpfungen zum Phänomen

 

C.G. Jung: Die Dynamik des Unbewussten

Dabei dürfen wir nie vergessen, dass, was wir kompliziert, ja wunderbar nennen, für die Natur keineswegs wunderbar, sondern ganz alltäglich ist. Wir haben aber leicht die Neigung, unsere Schwierigkeiten des Verstehens in die Dinge zu projizieren und sie kompliziert zu nennen, während sie an sich einfach sind und unsere Denkschwierigkeiten nicht empfinden.“ (alle Literaturangaben zum Abschnitt V *)

  

Ich möchte zurückkommen auf mögliche Unterschiede von „Wahrnehmung“ und „stellvertretender Wahrnehmung“. Wahrnehmen ist ein Akt, der ständig und überall geschieht. Gibt es Unterscheidungskriterien zwischen der üblichen Art etwas wahrzunehmen und der „stellvertretenden Wahrnehmung“? Oder nehmen wir ebenso auch ständig „stellvertretend wahr“ und haben nur kein Bewusstsein dazu?

 

In der Neurobiologie wird z.B. davon ausgegangen, dass wir extrem viele Wahrnehmungen im Gehirn speichern, dass jedoch nur wenige in das BW gelangen. Ist etwas in uns ihrer doch bewusst – jedoch nicht so, dass wir es rational wissen?

 

Aus dem bisher vorgetragenen geht raus hervor, dass das Verfahren des Aufstellens ein Phänomen ans Licht bringt, welches insofern als real bezeichnet werden kann, als dass es sich in jeder Aufstellung zeigt.

Es kann jedoch auch gleichzeitig als irreal oder mystisch bezeichnet werden, als dass es bisher keine (ausreichenden) Erklärungen dafür gibt.

Was es jedoch gibt, sind Überlegungen, Erfahrungen und Erkenntnisse unterschiedlicher Therapeuten und Theoretiker, die ähnliches, analoges aus ihrer Arbeit kennen und beschreiben. Ich habe einige Zitate Im Nachfolgenden aufgeführt, die – wie ich meine -  in Verbindung mit dem Aufstellungsverfahren spannende Analogien aufzeigen und als Anregungen zum Weiterdenken dienen sollen:

 

·        Paul Schilder, Neuropsychiater, Direktor der Neurologie und Psychiatrie an der Universitätsklinik Wien, führender Theoretiker der Hypnose zu seiner Zeit. Er stellte in seiner Arbeit mit Patienten fest, dass bestimmte Phänomene seiner „Gegenübertragung“ vom Patienten erzeugt und dorthin verlagert werden. In einem 1930 veröffentlichten Artikel weist er darauf hin, dass es (im Hinblick auf die „Gegenübertragung“) besonders unerforscht sei, in welcher Form die Gefühle des Therapeuten „Ergänzungen“ der Gefühle des Patienten sein können.*2*

 

·        Georg Groddeck, Psychosomatik-Spezialist, 1923, „bemerkt von einer Patientin: <<sie zwang (mir) die Rolle der Mutter auf,>>, indem sie sich wie ein dreijähriges Kind verhielt. (...) Da stand ich nun auf einmal vor der seltsamen Tatsache, dass nicht ich den Kranken, sondern der Kranke mich behandelt; oder um es in meine Sprache zu übersetzen, das Es des Nebenmenschen sucht mein Es so umzugestalten, gestaltet es auch wirklich so um, dass es für seine Zwecke brauchbar wird.“ *3*

 

·        Stierlin et.al stellen im Verlauf ihrer auf Praxisarbeit beruhenden Forschung mit Familien mit depressiv, schizophren und schizo-reaktiv diagnostizierten Familienmitgliedern fest, dass sie sich je nach diagnostiziertem Formenkreis „als Therapeuten zu unterschiedlichen Gefühlen und Handeln eingeladen fühlten“ (siehe Schaubild)*4*

 

·        „Das erste ist, dass das, was beim Therapeuten als induzierte Gegenübertragung hochkommt, meistens ein Stück Kindheitsgeschichte des Patienten ist. (...) Die induzierte Gegenübertragung zeigt dem Therapeuten etwas, nämlich einen Film über die Geschichte des Patienten: tatsächlich lässt er ihnm, den Therapeuten, in diesem Film mitwirken.“ *5* (S. 318/319)

 

·        Downing, George, 1966, „Beim Supervidieren von Behandlungsteams im Krankenhaus stellt man manchmal fest, dass es einem Patienten gelungen ist, mit den verschiedenen Gegenübertragungsreaktionen des Teams seine gesamte Familienkonstellation wieder herzustellen.“*5* (S. 422)

 

 

·        Stern, Daniel, 2004, bezeichnet im Abstract seines EFTA-Vortrag die menschliche Fähigkeit der „Identifikation“ zum einen als eine entscheidende Funktion bei der Ausformung der Psyche, zum anderen als eine Grundfähigkeit, die es dem Neugeborenen ermöglicht, von Beginn an so vermittels „Intersubjektivität“ ein „implizites Wissen“ aufzubauen :

·        „Durch >>Spiegel-Neuronen<< und >>adaptive Oszillatoren<<, die ich näher beschreibe, können wir direkt an Erfahrungen anderer teilhaben und die Welt aus ihrer Perspektive sehen und erfühlen.“ (...)*6*

·        „Das gesamte, beträchtliche Wissen, dass ein Baby darüber erwirbt, was es von Menschen erwarten kann, wie man mit ihnen umgeht, was man von ihnen halten soll und wie man sich ihnen gegenüber verhalten soll, fällt in den Bereich des impliziten Wissens. (...)

·        Auch mit dem Erlernen von Sprache verwandelt sich dieses Wissen nicht in explizites Wissen, sondern bleibt eine Parallelwelt, die sich das ganze Leben erweitert.“

 

·        Jung, Carl Gustav, “Die Intuition basiert insofern auf einem unbewussten Vorgang, als ihr Resultat ein Einfall, ein Einbruch eines unbewussten Inhaltes ins Bewusstsein ist. Die Intuition ist daher eine Art Wahrnehmungsvorgang, jedoch im Gegensatz zur bewussten Sinnestätigkeit und Introspektion eine unbewusste Perzeption. Die gewöhnliche Sprache spricht daher auch bei Intuition von >>instinktivem Erfassen<<, weil die Intuition ein dem Instinkt analoger Vorgang ist, nur mit dem Unterschied, dass der Instinkt ein zweckmäßiger Antrieb zu einer oft höchst komplizierten Tätigkeit, die Intuition aber die zweckmäßige unbewusste Erfassung einer oft höchst komplizierten Situation ist. „*7*

 

 Schlussfolgerungen::

 
















  

VI. Hypothesen zum Phänomen der „stellvertretenden Wahrnehmung“

 

Die Phänomene bei den Stellvertretern, die mit der „Stellvertretende Wahrnehmung“ verbunden sind lassen vermuten,

·        dass wir Menschen eine genuine und potentiell große, umfassende Fähigkeit zur Wahrnehmung haben.

·         dass uns diese außerordentliche, strukturell vorhandene Fähigkeit in diesem Ausmaß nicht bewusst ist

·        dass diese Fähigkeiten vor allem in unserem „Unbewussten“ verhaftet sind, sie beziehen sich auf die sehr frühe Form der Wahrnehmung, der präverbalen Wahrnehmung

·        dass wir im Lebensalltag bewusst nur einen kleinen Teil unserer Wahrnehmungsmöglichkeiten leben, anderes und mehr ist uns bisher – noch – verschlossen

·        dass zur Fähigkeit der Wahrnehmung gehört, dass wir in der Lage sind, umfassende Informationen über andere Menschen zu erhalten und „reproduzieren“

·        dass diese „Reproduktionen“ primär rein körperlich-emotionaler Art sind (d.h. sie werden von uns auf der gleichen – körperlich-emotionalen -  „Resonanz-Ebene“ aufgenommen, auf der sie beim „Sender“ liegen

·        dass diese Fähigkeit sich uns durch das Feld der Aufstellungen, und dort insbes. durch die „stellvertretende Wahrnehmung“ deutlich kundtut

 

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Erläuterungen und Hinweise zum Vortrag

zu Vortragspunkt I.„Was sind Aufstellungen“:

 Gruppe*

systemische Methode**

Informationen zum System***:



Zum Vortragspunkt : III .„Was sind „stellvertretende Wahrnehmungen“

Traum und Deutung*

in unbewusstem energetischem Kontakt sein“*



Zum Vortragspunkt : IV. Was geschieht in Systemen – was widerspiegelt sich in der „stellvertretenden Wahrnehmung“

Bewusstsein*


Zum Vortagspunkt: V. Verknüpfungen zum Phänomen


Literaturangaben zum Abschnitt V



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